Prismic — „Ein Tausendsassa, wenn es um elektronische Musik und all den dazugehörigen Facetten geht.“

 

 

 

2011 bist Du in Halle gezogen und hast hier ein Studium an der Hochschule für Kunst und Design »Burg Giebichenstein« im Bereich Multimedia & Virtual Reality begonnen. Wie hast Du Zugang zur Szene der Stadt gefunden?

 

Das ist eine gute Frage. Ich glaube, dass es bei mir ziemlich lange gedauert hat, bis ich musikalisch in der Stadt angekommen bin, was sicher daran liegt, dass ich eher ein Einzelkämpfer bin und versucht hab / versuche mir meine Strukturen selbst zu schaffen. Mit dem Einstieg ins Charles Bronson hatte ich dann aufeinmal die Möglichkeit regelmäßig vor einem interessierten Publikum und auch mit größeren Acts zu spielen.  Ich finde, dass es als DJ es sehr wichtig ist eine Homebase zu haben. Die habe ich, auch wenn ich mit meinen Standpunkten manchmal anecke, hier auf jeden Fall gefunden.

 

 

Seitdem Du hier bist, hast Du die elektronische Musikszene der Stadt mit einer Vielzahl von Projekten, die es vorher so in der Art in Halle noch nicht gab, bereichert. Das  »Warmup Radio« ist aktuell das auffälligste Projekt. Worum geht es dabei?

 

Stimmt, das Warmup Radio etabliert sich gerade ganz gut.

Es ist kein Radio im herkömmlichen Sinne, sondern eine Platform auf der Künstlern der elektronischen Musikszene eine Bühne geboten wird. Die Sessions werden über einen Livestream (aktuell noch ausschließlich auf Facebook) gesendet. Im Grunde ist es nichts neues DJs beim Auflegen live zu übertragen,  was das WR allerdings neues mit sich bringt ist, dass wir immer in den Stunden vor einem bestimmten Event, bis zur Öffnung des Clubs und direkt aus dem Club übertragen. Die Zielgruppe besteht also hauptsächlich aus den Partygästen, welche sich Zuhause auf die Clubnacht vorbereiten. Die aktuellen Zuschauerzahlen von im Durchschnitt 4000 pro Stream und ca 25.000 erreichten Personen zeigen allerdings, dass die Zielgruppe doch deutlich größer ist. Das Warmup Radio soll also etwas Clubfeeling in die Wohnzimmer / WGs bringen und nach dem Ende des Streams auch die Gäste der folgenden VA zum baldigen Aufbruch in den Club motivieren.  Musikalisch soll das WR ganz klar frei von Gengregrenzen sein und eine aufgeschlossene Plattform darstellen. Für mich ist es besonders wichtig Künstler einzuladen, die ein musikalisches standing haben, und keinen beliebigen Xy-Techhouse spielen. Dafür gibt es zahlreiche andere Streamingplattformen.

PRISMIC ist ein Tausendsassa, wenn es um elektronische Musik und all den dazugehörigen Facetten geht. Mit Tracks auf Freund der Familie, Paul Rewinds Label Orobos und From Halle With Love überzeugt er als Produzent. Mit seinen Sets, die er 2016 zum wiederholten Male auf dem Dimensions Festival oder auch als Resident im Charles Bronson und zum Jahreswechsel im IfZ zum Besten gab, überzeugt er als DJ. Als Visual Artist ist der Burg-Student mit aufwendigen Installationen in halb Deutschland unterwegs. Und als ob das nicht genug wäre, schafft er mit synthetic experience eine Plattform für alle Frickler und Fans analoger Maschinen. Nachdem er 2016 mit seinem »Warmup Radio« die perfekte Pre-Hour für den Clubbesuch startete, geht Stefan 2017 mit seiner eigenen Veranstaltungsreihe »Most« im Charles Bronson in die Vollen und lädt sich Künstler ein, die neben dem Mainstream agieren. Eine Werkschau.

Neben dem DJ-, VJ- und Produzentendasein und Kurator der »Synthetic Experience« und des »Warmup Radio« hast Du seit 2017 die eigene Veranstaltungsreihe »Most« im Charles Bronson gestartet. Du beschreibst sie mit den Worten »Most is an event for selected underground music and will invite Artists working beside the mainstream.« — eine Idee, die nach Halle passt?

 

Ja, meiner Meinung nach passen neue musikalische Konzepte sogar sehr gut nach Halle. Ich hab die Stadt in den letzten Jahren in ihrer musikalischen Entwicklung leider immer häufiger als stagnierend wahrgenommen.  Gerade die beständigen Locations / Clubs fahren alle ein ziemlich ähnliches Programm und sorgen damit dafür, dass die Hallesche Clubkultur musikalisch zu nem Einheitsbrei verschwimmt. Die Welt ist voll von jungen Talenten, die neue musikalische Bereiche aufmachen und die Zeit mit ihrer Arbeit prägen. Meiner Meinung nach kamen diese Künstler in Halle bisher viel zu kurz.  Es gibt für mich auch nur wenige Veranstalter, die das eingefahrene Programm aufbrechen und neue Impulse setzen.

Die Veranstaltungreihe »Most« ist mein Versuch die Stadt sowohl musikalisch, also auch konzeptionell zu bereichern. Die Auftaktveranstaltung im Januar hat gezeigt, dass Halle sehr wohl bereit für alternative Konzepte ist (Most war ganz klar nicht die erste VA, die das beweisen hat). Sicherlich erreicht man damit nicht jeden, aber das ist auch nicht das Ziel.  Ich freue mich auf jeden Fall schon auf die Februar Edition am Samstag, die mit Salomo, Skor Rokswell, Rufus Grimes uvm einen musikalisch sehr vielversprechenden Abend darstellt. Für den März haben wir uns etwas ganz besonderes überlegt, dazu werden wir aber später mehr verraten.


Will man Dich als Person beschreiben, kann man Dich als Tausendsassa bezeichnen — oder als »Hans Dampf in allen Gassen« Wo liegen bei der Vielzahl an Projekten Deine Prioritäten und welches kommt manchmal vielleicht zu kurz?

 

Es gibt Phasen, wo ein Projekt mal mehr Aufmerksamkeit bekommt, als die Anderen und umgekehrt. Es gibt bei mir also Momente, in denen ich z.B. all meine Zeit ins Produzieren investiere, aber auch Zeiten in denen ich eine Woche, oder länger nicht zum Musikmachen komme. Bisher läuft das alles ganz gut nebeneinander her, trotzdem glaube ich, dass es manchmal besser wäre sich allein auf ein Projekt zu konzentrieren und alle Energie dort hineinzustecken…wobei das sicherlich auch irgendwann langweilig werden würde.

Halle hat eine Szene mit unglaublich viel Potential. Wie hat sie sich in Deiner Wahrnehmung seit … (Jahr, seitdem Du hier bist) verändert? Wo liegen ihre Stärken und Schwächen?

 

Ich glaub, dass die Szene in Halle nicht weniger oder mehr potential hat, als die anderer Städte. Das einzige, was die Stadt Halle besonders macht ist seine ihre Größe. Die Szene ist deshalb natürlich sehr klein, was den Vorteil hat, dass man sich ziemlich schnell mit fast der gesamten Stadt vernetzen kann. Der Nachteil dabei ist natürlich offensichtlich — man stößt in Halle auch schnell an die Grenzen. Gerade, wenn man ernsthaft versucht mit größeren Labels zusammenzuarbeiten, kommt man eigentlich nicht drum herum sich über die Stadtgrenzen hinaus zu orientieren.

 

 

Du arbeitest aktuell ohne Agentur oder Management und schaffst es dennoch, in den Köpfen der Leute präsent zu sein. Wie kann man als Künstler in der heutigen Zeit, in der es gefühlt fast mehr DJs als Gäste gibt, ohne größere Agentur und entsprechendem Management Aufmerksamkeit generieren und Gigs bekommen?

 

Keine Ahnung,  ich mache ehrlich gesagt nur  das worauf ich Bock / was ich für richtig halte und versuche mich nicht vor irgendwem zu verbiegen. Alles andere ergibt sich nebenbei.

 

 

Im Vordergrund steht bei Dir immer noch die Musik. Deine Tracks und Releases findet man bisher auf »Freund der Familie«, »Orobos« und auch »From Halle With Love« — Dein Output könnte, in Anbetracht der Qualität der Produktionen, durchaus höher sein. Warum veröffentlichst Du nicht noch mehr?

 

Mein Ziel ist es nicht möglichst viel zu veröffentlichen und für den Moment einen hohen Output zu haben, sondern langlebige Musik zu produzieren, die nicht nach  einer Woche in einer völlig überfluteten digitalen Datenbank für immer verschwindet.  Ich gebe meinen Stücken lieber Zeit und lasse sie manchmal Monate lang liegen, bevor ich mich wieder ran setze, um daran weiterzuarbeiten. Dabei kommt es auch vor, dass ich nach einer so langen Zeit Projekte komplett verwerfe.  Man entwickelt sich stets weiter und somit auch das eigene musikalisch empfinden. Ich glaube, wenn man es schafft seine eigenen Stücke nach einer langen Zeit zu hören ohne, dass man dabei ein schlechtes Gefühl hat, kann man sie auch veröffentlichen.

 

 

Neues Jahr, neues Glück. Was erwartet Dich und uns in 2017?

 

Meine Prioritäten liegen gerade ganz klar bei der Uni. Ich mache im Sommer meinen Abschluss - das wird ziemlich viel Zeit in Anspruch nehmen. Nebenbei bemühe ich mich aber um ein größeres Tonstudio, die Gründung eines eigenen Plattenlabels und bin werde demnächst auch Teil einer größeren Agentur in Deutschland sein.

 

Text: Michael Hübel • Layout: rwnd

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