Viktor Talking Machine — Digital is death

 


Falko, Du hast in Halle Dein Studium an der Hochschule für Kunst und Design „Burg Giebichenstein“ im Bereich Kommunikationsdesign begonnen und 2016 auch erfolgreich mit einer sehr interessanten Masterarbeit über die elektronische Musikszene in Halle beendet. Lars, Du bist  arbeitsbedingt Wochenendhallenser. Wann habt ihr euer Faible für die Musik entdeckt? Und wie habt ihr zueinander gefunden?
Musikalisch wurden wir durch unser Elternhaus und die Medien der 90er vorgeprägt. Wir haben angefangen, zusammen aufzulegen als wir eigene Partys veranstaltet haben. Wir waren zu der Zeit sehr viele DJs, aber die Party war nicht unendlich und so haben wir uns als Paar zusammengefunden und schnell entdeckt, dass wir uns unglaublich pushen können und die gleiche Vorstellung von einem Set haben. Und dann ist da natürlich die geteilte Liebe zur Platte, die uns über Sticks und CDs hinweg immer begleitet.



Was macht Halle für euch aus?

Halle ist für uns Mittelpunkt unseres Schaffens, weil wir hier alles haben, um produktiv sein zu können. Es gibt eine lebendige Clubkultur und immer wieder spannende Menschen, die neue Einflüsse in die Stadt tragen. Halle hat auch eine perfekte Größe mit kurzen Wegen, um schnell an alle wichtigen Orte zu gelangen.



Ihr seid seit 2015 Teil der MONABERRY-Family um Super Flu. Wie habt ihr die beiden Ur-Hallenser kennengelernt?

Die Beiden waren 2009 für ein Fotoshooting in der Mensa am Designcampus und da wurden sie einfach angesprochen. Vermutlich hatten wir etwas Magisches an uns, weil wir danach in ihre Radiosendung eingeladen wurden. Wir spielten zwei Stunden und waren eher mittelmäßig begeistert von unserem Set, da wir schon gut aufgeregt waren. Aber den Jungs hat es gefallen und sie haben uns gleich für´s Charles Bronson empfohlen. Und so hat sich aus dieser zufälligen Begegnung eine tiefe Freundschaft entwickelt.



Ihr seid Verfechter der Vinyl — ein Thema, das szeneübergreifend präsent ist. Die Diskussion um die Vinyl wird dazu auch noch dauerhaft neu belebt: egal, ob durch Neuauflagen der Technics-Turntables, den vermeintlichen Anstieg der Plattenverkäufe in den letzten Jahren oder die „Halsabschneider“ bei Spotify, die kaum Geld an die KünstlerInnen ausschütten. Eine Diskussion, die an der einen oder anderen Stelle zu oft geführt wird — und wenn nein, warum nicht?

Die Diskussion wird auf keinen Fall zu oft geführt, sie führt nur oft zu keinem Ergebnis, weil es eine Situation ist, die man durch Diskussion nicht ändern kann. An der ganzen Sache nervt viel mehr, das Gejammer von allen Seiten. Künstler beschweren sich, dass sie nicht mehr von digitalen Verkäufen leben können und Plattenlabels, dass sie zu wenig Schallplatten und digitale Musik verkaufen. Schaut man sich an, wer schuld an der Misere ist, dann sind es die Künstler selbst, die immer hier schreien, wenn sich ein neuer Markt bietet, ohne dabei langfristig zu planen. Man hätte ja auch nein sagen können. Aber der digitale „Sale Out“ hat die ganzen Geier zur Fressstelle gerufen und jetzt muss man damit leben. Auf der anderen Seite schauen wir uns kleine Plattenlabels an, die „Vinyl-only“ Releases mit fetter Musik rausbringen, die Cover selber stempeln und glücklich damit sind. Wem nützt die 100ste Beatport Top Ten? Bestimmt nicht den Musikern, die die Musik voranbringen. Wir sehen das Ganze sehr entspannt, gerade auch dank dieser kleinen Labels, die uns immer wieder zeigen, wie schön es sein kann, wenn es einfach nur um Musik geht.

 

 

Es gibt viele DJs und Produzenten, die auf die gute alte Vinyl schwören, die Ästhetik des Mediums preisen und im Zeitalter der MP3 immer noch gewillt sind, ihren Plattenkoffer von Gig zu Gig zu schleppen. Es ist eine Lebenseinstellung, die Falk und Lars seit Beginn ihres DJ-Daseins begleitet und von der sie sich so schnell auch nicht verabschieden werden. Zusammen sind die beiden Wahlhallenser als das DJ-Duo VIKTOR TALKING MACHINE unterwegs, releasen vor allem auf Super Flu´s Label MONABERRY und denken, dass die Diskussion über die Schallplatte auf keinen Fall zu oft geführt wird.

Viele kleine Labels, die dem Medium Vinyl verfallen sind, müssen aus Gründen der schlechten Verkaufszahlen auf die MP3 umsteigen — eine Entscheidung, die den Betreibern/Innen oft sehr schwer fällt aber ein Muss ist, um auf dem Markt weiterhin präsent zu sein. MONABERRY releast auch noch immer Vinyl. Ist das ein Luxus, den sich ein Label mit diesem Status erlauben kann oder reiner Idealismus?

Wenn ein Vinyl-Label auf MP3 umsteigt, weil es denkt, damit mehr Geld zu verdienen, dann ist das vermutlich die sinnloseste Entscheidung im Leben. Das Label sollte sich lieber Gedanken machen, warum niemand mehr die Platten kauft. Darauf gibt es auch nur eine Antwort: Es liegt an der Musik. Die Musik ist nicht mehr relevant genug oder spielt für Hörer, die Schallplatten kaufen, keine Rolle mehr. Dann muss ich als Label entscheiden, ob ich den bequemen Weg gehe und behaupte, die Verkäufe sind schlecht, weil niemand mehr Platten kauft. Oder ich hinterfrage meine Arbeit und schaue, wie ich wieder hochwertige Sachen rausbringe und dem Hörer einen Anreiz gebe, die Platten zu kaufen. Wir denken, bei Monaberry ist es kein Luxus, sondern einfach eine Entscheidung und Wertschätzung gegenüber dem Künstler und seiner Arbeit. Jedes Label, das richtig wirtschaftet, kann es sich leisten, Platten zu pressen.



Zurück nach Halle: seit Jahren beobachtet ihr die Entwicklung der Stadt. Falko hat in seiner Masterarbeit die elektronische Musik in Halle dokumentiert. Mit „Fr—Mo Einblicke in die elektronische Subkultur aus Halle an der Saale 1990—2015” gibt er wirklich einen beeindruckenden Überblick zur Szene und alle warten gierig auf das Paket. Wann wird es erscheinen?

Das Buch ist ziemlich fertig und das Crowdfunding-Video auch. Das was fehlt, ist die Zeit, daran intensiv zu arbeiten, da wir mit Viktor Talking Machine gerade sehr präsent sind und auch immer weiter wollen. Da liegen die Prioritäten gerade woanders. Ich denke aber, dass es noch diesen Sommer Neuigkeiten geben wird.



Mit Podcasts und kleinen Interviews seid ihr grad sehr präsent und für „From Halle with Love” liefert ihr inzwischen den zweiten Podcast. Dabei wissen wir immer genau, dass uns etwas Besonderes erwarten wird. Wir wollen nicht fragen, wie ihr euch auf einen Podcast vorbereitet oder woran ihr denkt, wenn ihr einen Podcast aufnehmt. Wonach entscheidet ihr, welche Podcastanfrage ihr annehmt oder ablehnt?

Danke für die vorweggenommenen Blumen. Wir versuchen auch immer uns selber zu überraschen und keinen Standard abzuliefern. Bei der Entscheidung zur Zu- oder Absage setzen wir uns zuerst hin und diskutieren im Kollektiv. Das kann ein kurzes Telefonat oder ein kleines Kaffeekränzchen sein. Meist hilft uns bei der Auswahl unser Bauchgefühl. Falls das immer noch nicht zu einer Entscheidung führt, schauen wir uns an, welche Künstler schon Teil der Reihe sind und ob das passen könnte. Persönliche Kontakte werden von uns immer bevorzugt behandelt. Auch muss man immer schauen, ob es zeitlich passt und man nicht gleichzeitig drei Podcast in einer Woche hat.


April 2017 — gefühlt ist das Jahr so gut wie vorbei. Aber etwas Luft ist ja noch! Was erwartet euch und uns in 2017?

Wir hoffen eine ganze Menge, aber stehen dem Jahresdenken eher kritisch gegenüber. So eine Einteilung in Jahre hat immer was Voodoo-mäßiges. Da kann man sich zu schnell rausreden. Dennoch wird eine Menge passieren. Wir werden unsere eigene Podcast-Reihe „MUSIC WITH SLEEVES“ weiter füttern und haben auch gerade unsere eigene Radio-Show gestartet. Wir freuen uns schon sehr darauf spannende Künstler einzuladen und unendlich viel Musik zu spielen, die uns gefällt. Es wird aber insgesamt auch viel neue Musik von uns geben, spannende Kollaborationen, Gigs wie im Ritter Butzke in Berlin und natürlich dieses schicke Interview für FHWL.



Mit ihrer eigenen Sendung „Music With Sleeves” auf Radio Corax gehen VIKTOR TALKING MACHINE persönlich neue Wege und sind damit nicht mehr nur DJs und Produzenten sondern auch Radiomoderatoren: aller 14 Tage werden Gast-DJs eingeladen und neue Musik vorgestellt. Und natürlich wird jede Menge Vinyl stattfinden.

 

Die Nummer 52 unserer Podcastreihe wird präsentiert von VIKTOR TALKING MACHINE — Vinyl only. Enjoy!

 

 

Text: Michael Hübel • Layout: rwnd • Fotos by Sascha Linke

 

 

 

 

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