„Jeder, der eine Idee in der Stadt umsetzen möchte, ist herzlich willkommen.“

im Interview mit Oberbürgermeister Herrn Dr. Wiegand.

 

 



Aktuell geht ein großer Ruck durch die hallesche Clublandschaft: Zum Einen wurde gemeinsam mit der Stadt für die "Station Endlos" ein neues Gelände gefunden und damit der Grundstein für das Weiterbestehen einer sehr schönen Idee gelegt. Auf der anderen Seite bangt eine andere, alteingesessene Institution um ihre Existenz: Das La Bim am Töpferplan 3 im Charlottenviertel ist seit dem durch die Eigentümer angestrebten Grundstücksverkauf um seine Existenz bedroht. Eine Schließung zum Jahresende ist zum aktuellen Zeitpunkt unumgänglich. Dass das Thema nicht nur das La Bim betrifft, zeigen verschiedene Aktionen, mit denen die Betroffenen (so auch das „Hasi” in der Hafenstraße) auf ihre Situation aufmerksam machen wollen: Am 15.07.2017 fand die „Freiraumdemo” statt und die rege Anteilnahme zeigt, dass uns alle eine große Frage beschäftigt: „Wem gehört die Stadt?”

 

Seit dem Wissen über den Verkauf, einer eventuellen Schließung des La Bim und die Art und Weise der Abwicklung dessen (siehe Blogbeitrag LABIM — ein Möglichkeitsraum), war es uns ein großes Bedürfnis, mit der Stadt und dem Oberbürgermeister Herrn Dr. Bernd Wiegand ins Gespräch zu kommen. Dass uns tatsächlich ein Interviewtermin gewährt wurde, ließ uns auf ein sehr interessantes Gespräch hoffen und so durften wir am 05.07.2017 einiges zur Idee des Miteinanders der Stadt und lokaler Subkultur erfahren. Lest selbst.



2013 wurde die erste Spontanparty in Halle gefeiert. Im Vorfeld wurde die sogenannte „Spontanpartyverordnung” verabschiedet: Danach darf jede/r Veranstalte/in eine „Freiluft-Party” ohne kommerziellen Hintergrund an den dafür vorgesehenen Stellen und entsprechender kurzfristiger Anmeldung durchführen. Wie oft finden die spontanen Partys in Halle noch statt?


Oberbürgermeister Bernd Wiegand:

Es handelt sich um ein Verwaltungsverfahren, das innerhalb weniger Stunden durchgeführt wird, so dass Veranstalter ihre nicht-kommerziellen Partys schnell und unkompliziert anmelden können. Seit der Einführung des Angebotes im Jahr 2013 wurden insgesamt 108 Spontanpartys bei der Stadt Halle angemeldet, davon 27 im Jahr 2015 und 23 im Jahr 2016. In diesem Jahr wurden bislang 9 Spontanpartys im Dienstleistungszentrum Veranstaltungen angemeldet; hier finden alle Party-Organisatoren zentrale Ansprechpartner für ihre Anliegen und erhalten die erforderlichen Genehmigungen aus einer Hand.




Sie sind dafür bekannt, ein offenes Ohr für die Anliegen derjenigen zu haben, die sich mit der Subkultur in Halle beschäftigen und auch in dieser tätig und verortet sind. Seitens der Stadt und in Ihrem Namen wurde schnell reagiert, als klar war, dass die „Station Endlos” ihr altes Zuhause verlassen und eine neue Location suchen muss — gemeinsam fand man ein Gelände unweit des alten Clubs. Wo sehen Sie den Grund, einem bis dato doch eher fragwürdigen Konstrukt eines Clubs zu helfen und wie gestaltet sich diese Hilfe / Unterstützung?


Bernd Wiegand:
Das ist relativ einfach zu erklären: Jeder, der eine Idee in der Stadt umsetzen möchte, ist herzlich willkommen. Unabhängig davon, um welche Form oder welches Format es geht, ob bereits ein klares Konzept vorliegt oder erst verschiedene Voraussetzungen geprüft werden müssen.

 

 

 

Im April dieses Jahres ging ein Ruck durch Halle: Ein Investor aus Leipzig, die Stadtbau AG, hat im Charlottenviertel mehrere Grundstücke gekauft. Das La Bim, eine kulturelle Institution, die am Plan 3 verortet ist und in diesen Tagen ihren 25. Geburtstag gefeiert hat, bangt damit um ihre Existenz. Das Charlottenviertel birgt sehr viel Potential für neuen und unter Umständen auch teuren Wohnraum — die Gentrifizierung, von der man bis dato in Halle nichts gespürt hat, hält damit Einzug in Halle und bedroht unmittelbar eine Einrichtung, die seit Jahren einen klaren Mehrwert für die (Sub-) Kultur in Halle darstellt. Waren Sie respektive die Stadt sich über die Konsequenzen des Verkaufs bewusst?


Bernd Wiegand:
Wie sich Stadtteile mit Hilfe von Kunst und Kultur entwickeln können, haben wir im Glaucha-Viertel gesehen. Hier ging der Impuls seinerzeit von einer studentischen Initiative aus, selbstnutzende Eigentümer haben leerstehende Häuser und Baulücken entwickelt und dem Viertel so ein neues Image gegeben. Beim La Bim ist die Situation eine etwas andere: Der Eigentümer möchte das Gebäude verkaufen, die Stadt hat keine Eigentumsposition. Wir haben dem La Bim deshalb Unterstützung bei der Suche nach einem neuen Standort angeboten und uns gestern (04.07.2017, Anm. d. Red.) bereits getroffen, um einzelne Grundstücke innerhalb der Stadt zu prüfen. Das heißt, dass wir hier in den nächsten Wochen gemeinsam intensiv an einer Lösung arbeiten.

 

 

 

Aus einem Interview mit dem Vorstand des Plan 3 e.V., das auf Radio Corax gesendet wurde, wurde klar, dass die Stadt nun gemeinsam mit dem La Bim nach einem neuen Gelände sucht. Wie ist hier der Stand der Dinge? Es stellt sich doch am Beispiel des La Bim immer noch die Frage, die Radio Corax im Allgemeinen stellt: “Wo sind die Freiräume für alternative Kultur in Halle?


Bernd Wiegand:
Interessengruppen, die etwas in der Stadt bewegen wollen, werden sich immer erst selbst nach geeigneten Räumen umsehen. Das finde ich auch gut so; denn das kann eine Stadt von außen nicht vorgeben. Außerdem sind die Ansprüche an geeignete Gebäude und Flächen sehr unterschiedlich. Von daher verstehe ich die Suche nach Freiräumen und ihre Gestaltung auch als einen Prozess aus der jeweiligen Interessengruppe heraus. Wir als Stadt unterstützen. So wie beim La Bim, da gibt es inzwischen sieben bis acht Grundstücke, die wir gemeinsam mit den Verantwortlichen des Vereins ausgewählt haben und im nächsten Monat prüfen. Danach setzen wir uns wieder zusammen und schauen uns die Favoriten genauer an.

 

Text/Interview: Michael Hübel

Fotos: Benjamin Pape / Richard Bohn / Station Endlos
Grafik/Layout:
Franz-Paul Senftleben

Mit der drohenden Schließung des La Bim spürt das Nachtleben abermals, was es bedeuten kann, wenn sich die hiesige Subkultur der Gentrifizierung ausgesetzt sieht. Die erwähnte Suche nach einem alternativen Ort für den Plan 3 e.V. wird sich in Halle als wohl eher schwierig gestalten. Die Idee der Betreiber/innen des La Bim ist es, ein neues Zuhause in Zentrumsnähe zu finden. Eine gerechtfertigte Einstellung, da der bisherige Standort das vereint, was heute — und gerade in der Saalestadt — oft schwer zu finden ist: die gelebte Koexistenz pulsierender Subkultur und bürgerlicher Wohngewohnheiten im urbanen Raum.

 

Die Hilfestellung, die die Stadt Halle der „Station Endlos” bei der Suche nach einem neuen Ort für die Umsetzung ihres Konzeptes gab, lässt vermuten, dass sowohl Stadt als auch Oberbürgermeister gewillt sind, die Clubkultur nicht nur als Mittel zum Zweck zu betrachten. Auf konkrete Antworten zur Frage, wo (alternative) Freiräume für Kulturschaffende in der Stadt sind, müssen wir jedoch weiterhin warten. Wer aber zwischen den Zeilen liest, erkennt, dass sich engagierte Menschen in der halleschen Subkultur früher oder später „normalen” Marktgesetzen beugen müssen. Und das kann durchaus bedeuten, dass der Gentrifizierung Vorrecht gewährt wird.

by rwnd